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Wie alles begann
 

Kennst Du das das auch? Es gibt Gegenstände…Dinge…Sachen…“Stehrumsells“ die wir gar nicht mehr benutzen. Aber etwas in uns verhindert, dass wir uns davon trennen. Wir behalten diese Dinge. Denn wir wissen, dass es sich nicht richtig anfühlen würde, wenn sie nicht mehr da wären. Und das, obwohl sie - Jahr ein, Jahr aus - im Keller, in der Garage, auf dem Dachboden oder in der Rumpelkammer liegen.

So etwa beginnt auch die Geschichte des Trekkingrades meiner Frau.

Sie hatte es sich während Ihres Studiums in den USA gekauft um damit täglich zur Uni zu fahren und hatte es anschließend mit nach Deutschland zurückgebracht, nicht ohne bei der Einreise nach Deutschland lange Diskussionen über Einfuhrzölle für Fahrräder zu führen. Ich kannte die Geschichte des Rades übrigens nur aus Erzählungen, denn obwohl meine Frau und ich seit 25 Jahren gemeinsam durch das Leben gehen, war das Rad früher an der Seite meiner Frau als ich.

Ein solides Herrenrad aus Stahl der Marke Wheeler. Kettenschaltung, Schutzbleche, Lichtanlage, Gepäckträger und bequemer Trekkinglenker. Im Laufe der Jahre geriet es in der hintersten Ecke in der Garage irgendwie in Vergessenheit. Verkaufen war aber nie eine Option.

Manchmal überraschen uns unsere eigenen Ideen, wir wissen nicht wo die Ideen enden werden oder wo sie herkommen, der Ausgang ist nicht planbar, er ist unverfügbar. So kann ich heute nicht mehr sagen warum ich auf die Idee gekommen bin das alte, in der Garage langsam zergehende Trekkingrad zu einem Singlespeed umzubauen. Ein einfaches Rad, ohne Schaltung, mit einer festen Übersetzung und einem Freilaufritzel.

Jedenfalls war die Idee, an einem ungemütlich kalten Januarmorgen, kurz nach Neujahr, vor einigen Jahren plötzlich da. Sie war in meinem Kopf und hatte sich dort auf unerklärliche Weise festgesetzt, denn ich hatte bis dahin mit Fahrradumbauten nichts zu tun. Hier und da mal eine Wartung selber machen, ok, kleinere Reparaturen, auch ok, aber ein kompletter Umbau?

So ein bisschen war es, wie sich auf einen Weg machen, man geht einfach los, lässt sich auf etwas Neues ein, hat nur eine ungefähre Idee der eigentliche Weg ergibt sich beim Gehen. Und so ging ich einfach los, Schritt für Schritt. Am Anfang standen Fragen: Was soll vom alten Rad erhalten bleiben, was soll an neuen Komponenten dazu kommen. Es folgten herrliche Wochen der Komponentensuche und des Umbaus, der kleinen Erfolge und der schmerzhaften Rückschläge. Am Ende stand ein neues Rad, entstanden aus der Seele des alten. 

So lernte ich den „Oldschool“-Werkstoff Stahlrahmen kennen und entdeckte, dass es sehr viel Erhaltenswertes an so einem alten Fahrrad gibt, wenn man die einzelnen Komponenten wieder mit viel Geduld aufarbeitet.

Das Lässige an einem Singlespeed ist natürlich die überragende Einfachheit des Rades. Heute hängt der Singlespeed-Umbau wieder in der Garage. Ganz vorne, da wo meine Frau das Rad sehr schnell von der Wand nimmt und regelmäßig benutzt, wenn Sie in unserem Wohnort unterwegs ist. 

Vielleicht kommt ihr ja während der Fahrt die ein oder andere Erinnerung an die Studienzeit in den USA, oder sie genießt einfach das Gefühl auf einem Rad unterwegs zu sein, dass eine Geschichte erzählt.



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Begegnungen
 

Natürlich stehen die Rennräder für mich im Mittelpunkt mit ihrer Geschichte, die sie erzählen, wenn ich sie restauriere und von Grund auf neu aufbaue. 
Auf den ersten Blick liegt es ja scheinbar auf der Hand, dass sie das Wichtigste sind. Aber im Laufe der Zeit wurde mir klar, dass es noch etwas Anderes gibt, dass das Besondere an diesem Hobby für mich ausmacht: Es sind die Menschen, die ich durch die Räder kennenlerne und deren Beweggründe sich ein solches Rad zuzulegen und die Geschichte, die sie mit diesen Rädern verbinden. 

 

Vater und Sohn

Da denke ich zum Beispiel an den Auszubildenden aus Heidelberg, der sein Lehr-Gehalt anspart, um sich ein Vintage-Rennrad zu kaufen. Er hat mich gemeinsam mit seinem Vater besucht, der selbst großer Fan von Peugeot-Rädern ist, da er ein solches Rad in seiner Jugend selbst gefahren hat. Beide kamen also mit der Idee zu mir, ein Peugeot Aspin zu kaufen, allerdings nur bis zu dem Zeitpunkt als der Sohn ein seltenes, eisblaues Raleigh Road Ace in der Werkstatt entdeckte.

Nach 10minütiger Probefahrt kam er zurück und war von dem Rad begeistert. Die nächsten 60 Minuten durfte ich dann miterleben, wie der Sohn den Vater davon überzeugte zu überzeugen versuchte, dass ein schönes Vintage Rad nicht zwingend nur von Peugeot sein müsste. 
Als die beiden mich schließlich wieder verließen waren beide glücklich: der Sohn, weil sich seinen Wunsch nach einem besonderen Vintage Rad erfüllt hatte und der Vater, weil sein Sohn seine Leidenschaft aus der Jugend weiterführt und sie mit seinem eigenen Stil neu prägt.

 
 
Der Einsteiger

Ich denke an Chris der ins Rennrad fahren einsteigen wollte und dazu ein Rad im Vintage Stil suchte, um täglich damit zur Arbeit zu pendeln. Einfach um sich nach einem Bürotag ein wenig zu bewegen und draußen aus eigener Kraft unterwegs zu sein. Dabei gefiel ihm zum einen die Einfachheit und die charakteristische Ästhetik der Vintage Rennräder.
Zum anderen sollte auf dem Weg zur Arbeit auch die S-Bahn zum Einsatz kommen und deshalb sollte das Rad am Bahnhof auch leicht über Treppen und innerhalb der S-Bahn spielerisch bewegt werden.
Chris hat sich für ein blau-gelbes Peugeot mit einer aufwändigen Lackierung entschieden. Außerdem hatte er noch eine besondere Bitte an mich: Er besitze noch ein ca. 50 Jahre altes Tourenrad aus französischer Produktion mit Schutzblechen, Lichtanlage und einer 5-Gang Schaltung am Oberrohr - also schon etwas deutlich abseits meines typischen Betätigungsfeldes – und dieses bräuchte ein wenig professionelle Hingabe.
Wir beide haben dann gemeinsam überlegt was an dem Rad zu tun ist und zwei Wochen später konnte er das Rad, in das er sich einst verliebt hatte, in neuem Glanz und tadelloser Funktion abholen.
Das war nicht, das letzte Mal, an dem Chris in meiner Werkstatt stand: Der tägliche Weg zur Arbeit bei Wind und Wetter machte im so viel Freude, dass er sich zusätzlich ein elegantes Rennrad für „Schönwetter“-Ausfahren am Wochenende wünschte.
Seit diesem Zeitpunkt steht neben den zwei Franzosen ein bildschönes Bianchi Record in rot-metallic. Da Chris nicht weit entfernt wohnt, bringt er ab und zu eines seiner Räder zum „Durchchecken“ vorbei. Bei Kaffee oder Mineralwasser entstehen dann auch immer herrliche Gespräche über alte Rennräder und was es mit uns macht, wenn wir damit unterwegs sind.
 
Auf der Suche nach dem Einen

Ich denke an Micha, der aus der Nähe von Freiburg stammt, heute aber in der Schweiz lebt. Er meldete sich bei mir mit der Frage, ob ich ihn bei seiner inzwischen langen Suche nach einem celeste farbenen Bianchi mit Campagnolo Ausstattung unterstützen könne. Tatsächlich fand ich nach einiger Zeit ein solches Rad im Schwarzwald und ahnte noch nicht was mich beim Kauf des Rades erwarten würde.
Der Erstbesitzer erzählte mir, dass er das Rad vor mehr als drei Jahrzehnten in Karlsruhe gekauft hatte und es heute auf Grund einer ärztlichen Diagnose nicht mehr fahren könne. Es entwickelte sich ein einstündiges Garagen-Gespräch zwischen uns, in dessen Verlauf auch seine Frau dazukam.
Wir haben alle drei gespürt, wie schwer es dem Besitzer fällt das Rad zu verkaufen.  Irgendwann habe ich ihm den Vorschlag gemacht, das Rad nicht zu verkaufen, sondern einfach an einen schönen Platz im Haus aufzuhängen. Aber die Erinnerung an das Rad und die Tatsache, dass er es jetzt nicht mehr nutzen kann, ließen das für ihn nicht zu. Das der Erstbesitzer Tränen in den Augen hatte, als ich das Rad in den Kofferraum gelegt habe, werde ich nicht vergessen. Diese Erfahrung gehört zu den Momenten, die ich wohl immer in Erinnerung behalten werde, sie hat mich tief berührt.
Drei Wochen später hatte ich das Rad fertig restauriert und Micha kam mit seiner ganzen Familie, um das Rad abzuholen. Micha ist jemand, der eine Seele für diese Art von Rädern hat und sofort die Bedeutung des Moments erfasste als ich ihm davon erzählte. Und so begann dieses Rad mit einer berührenden Geschichte aus dem Schwarzwald seine neue Reise bei Micha in der Schweiz, mit dem Bewusstsein der zurückliegenden Geschichte seines Vorbesitzers. Ich bin froh, dass ich gerade dieses Rad in gute Hände weitergeben konnte.
 
Die Reise geht weiter 

Wir fahren Vintage Rennräder um zu reisen. Kleine Reisen, die wenige Minuten dauern, oder Reisen, die über Stunden oder über Tage gehen. Diese schönen Stahlrösser scheinen dabei mehr zu sein als Gegenstände. Sie sind eng mit ihren Besitzern verbunden und führen zu prägenden und unvergesslichen Erlebnissen und manchmal eben auch zu sehr emotionalen Begegnungen mit Menschen.